Geschenkt

2006 gab es bei uns eine Kreuzigungsidee, die soeben in wesentlich schlichterer Form von der TAZ verwurstet wurde und deretwegen ein erstaunliches Mediengedöns am Gange ist.


Eher unwahrscheinlich, dass eine von den vernagelten (höh)  TAZ-Nulpen  aus der Abteilung „Leibesübungen“ von allein auf diese Idee gekommen wäre.

Soll’n wir jetzt die TAZ verklagen? - Nö, geschenkt,- wir sind doch keine „Talibayern“.

Die sympathische Berliner Firma SUKULTUR (www.sukultur.de) bestückt seit Jahren schon Süßigkeitenautomaten an S-Bahnhöfen, vorzugsweise in Berlin. Sie stellen kleine, gelbe Heftchen her, die nicht von ungefähr an die aus dem Reclam Verlag erinnern. Nur dass sie schmaler sind. Aus Heft Nummer 80 hier ein Gedicht des argentinischen Autors Washington Cucurto. Übrigens, sollte die Hertha oder der HSV Meister werden, werden hier auch wieder seitenlange Feiern und Feierbetrachtungen zu lesen sein.
Washington Cucurto
Unter Männern

Also, offen gesprochen, Laércio Redondo,
ich verstehe nicht, warum du keinen Fußball spielst.
Fußball ist der Sport der sanften Männer.
Fußball ist der Sport für Männer, die sich
wie Wahnsinnige lieben.
Der talentierte Spieler wird vom tüchtigen gequält.
Und der tüchtige brennt darauf, ihn aus Liebe zu quälen…
Das Leben ist schön, Laércio.
Auf dem Platz setzt sich der Tüchtige durch
und der Verliebte läuft hinter ihm her.
“Komm schon, foul mich, tüchtiger Manndecker.”
Viele Male habe ich das schon unter Männern vernommen…

Ich sah Männer, die sich auf dem Rasen wälzten, damit andere
sich auf sie würfen, so wundervoll ist die Liebe,
verdorben, verboten, auf der Flucht aus einer angsterfüllten Welt.
Das macht die Liebe, um zu überleben, und das ist so schön.

Das ist es, lieber Laércio, Fußball ist ein Sport
für Männer, die sich wie Wahnsinnige lieben.
Pasolini wusste das genau und genoss es,
er war Kapitän einer tüchtigen Jugendmannschaft…
unter Männern und mitten auf der Straße;
der Tüchtige und der Talentierte,
die Umarmung und der Kuss nach dem Tor
ist wie das Nachspiel zu einem großen Fick.
Laércio, mein Freund, lass dir nicht das Beste entgehen.
Alles ist besser und magisch unter Männern.

Michael Buselmeier
Die Helden gehen vorzeitig

Die Helden gehen vorzeitig, unter Tränen, oft angebrannt,
ohne Abschiedsspiel, mit zerfetzten Sehnen und einer Invalidenrente,
wenn sie Glück haben, von einem betrunkenen Zeitungsschreiber
beklagt. Vorgestern erst Bernd Schuster, 38, blonder Engel

über Madrid/Barcelona, drückte wochenlang im staubigen Mexiko
die Bank; Uli Stein, 42, Torwartlegende, fängt auf der Bielefelder
Alm Fliegen und verprügelt Kritiker in einem mafiosen Lokal;
Uwe Bein, 37, schlägt seine tödlichen Pässe beim VFB Gießen

in der Oberliga… Doch wo bitte steckt Manni Burgsmüller, wo
Manni Kaltz und wo Schädel-Harry, dem 1980 beim Pokalspiel
gegen Mönchengladbach das Kreuzband riss? Im Sportteil der Rundschau
vom Donnerstag Rudi Bommer, 39, Denkmal der Eintracht

und eiserner Recke gegen den Abstieg in die Regionalliga -
ratlos, die Arme ausgebreitet, vor leeren Rängen,
in PUMA-Schuhen, MITSUBISHI MOTORS auf der Adler-Brust:
“Was soll ich hier noch”, wenn ich mich

45 Minuten lang warmlaufen darf und dann nicht
eingewechselt werde unter diese verdrossenen Balltreter
und Grätscher, die übrig geblieben sind nach den kühnen
Tagen unseres brasilianischen Aufbruchs.

(Gefunden in: Jahrbuch der Lyrik 98/99, C.H.Beck)

Fußball

(nebst Abart und Ausartung)

HSV Fahne auf dem Balkon
Der Fußballwahn ist eine Krank-
Heit, aber selten, Gott sei Dank.
Ich kenne wen, der litt akut
An Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
In Kugelform und ähnlich fand,
So trat er zu und stieß mit Kraft
Ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
Ein Käse, Globus oder Igel,
Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
Ein Kegelball, ein Kissen war,
Und wem der Gegenstand gehörte,
Das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
Bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
Stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
Der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
Noch Puffer außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8.
Und übte weiter frisch, fromm, frei
Mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
Gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
Was er jedoch als Mann von Stand,
Aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
Durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschen
An blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Citronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
Griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Bootsmine
Besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
Sich ein in einem Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
Verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Joachim Ringelnatz (1883-1934)
zuerst gesehen bei: www.lyrikmail.de

Sie ist schuld. Mit dieser würdelosen Witzfigur im Rücken, die beim Daumen drücken und Jubeln stets den Eindruck vermittelt: “Mach ich das jetzt auch richtig? Bzw. mach ich das nicht richtig klasse?”, konnte das ja nichts werden.
Um so erbärmlicher, wenn’s in der Komplizen-Presse von SPONFAZ bis BLÖD heuer auch noch heißt, die olle Qualle habe Ahnung von Fußball.
es_krampft.jpg
Wenn jemand die speckgewordene Fußballahnungslosigkeit ist, dann doch diese Propagandanudel, die bei jeder öffentlichkeitswirksamen Gelegenheit auf den Ehrentribühnen dieser Welt mit den Conterganärmchen krampft und nach Spielende von Pressebeauftragten vorgekaute Stanzphrasen absondert. Wie die da rumquakt, diese Sportverächterin in Reingestalt, dieses heischende, an Spieler ranrobbende, schleimig anbiedernde Politsubjekt, diese aus jeder Pore Interesse und Begeisterung heuchelnde amtliche Person, widerlich.
So viel Würdelosigkeit wird bestraft. Viva España.

Was tun gegen die vortrefflichen Spanier?

vortreffliche Spanier

ANGRIFF

Freistoß schinden und dann Kräne, Kräne; kräne
MITTELFELD
Austro-Daimler-Panzer Totti Frings

VERTEIDIGUNG

Hintern Rudern - Rrrrrrrrrrrrrrrrrr

UND SO…

leckere Spanier abgeräumt

Jogi hol’ die Kräne raus. Nur so haben die Deutschen eine Chance im Spiel gegen die Spaniakken. Die formschwache Mimose Klose und den kopfballunfähigen Proletenkönig Podolski raus. Die beiden Kräne Gomez und Kurányi rein. Dahinter Panzerfahrer Totti Frings, Subsubkommandante Ballack, Hammermann Hitzelsberger und von mir aus, weil er grad ganz gut drauf ist, Sebi “Tankred” Schweinesteiger. Wenn der platt ist, kann der Treibtäter Sausolito Odonkor die Spaniolen vollends in Wirrsal stürzen.
Hinten wie gehabt Wieselflink Lahm, Dasboot Metzelder, Mastkorb Mertesacker und meinethalben Schreckenrecke Friederich.
Dann von Beginn an möglichst weit hinten reinstellen, paar Iberer ( Fabregas, Silva) früh kaputt treten, das übernimmt Ballack, der wird sowas nicht bestraft und vorne ab und zu ‘nen Freistoß in Strafraumnähe rausholen. Zwei, drei reichen, die machen dann die Kräne rein und gut is.
Und vor dem Spiel Mittelkreispolonaise bilden, losmarschieren und “ratatatata wir sind die Panzer, wir sind die Panzer der Nationalen Volksarmee” schmettern, das jagt auch dem stolzesten Spaniard das nackte Entsetzen ein.

Wann kann man endlich wieder richtig Fußball gucken, ich meine ohne diese verschissenen Eventgucker, diese bekackten, mit schwarz-rot-goldenen Papierblümchenkränzen behangenen, fähnchenschwingenden Tussis und diese Typen mit Landesfarben im Gesicht, denen man eingebläut hat, dass Nationalismus heute wieder ganz unverfänglich sei, was natürlich für sämtliche Länder gilt? Oder, kurz gesagt, auch fröhlicher Nationalismus in recht friedlicher Form bleibt trotzdem noch blanker Unsinn. Wenn ich gegen eine Mauer fahre und mich nicht verletze, bin ich immer noch gegen eine Mauer gefahren. Oder, wenn die Scheiße aufgehört hat zu stinken, so bleibt es doch Scheiße.
Deppentreffen
Ich freue mich also sehr auf den richtigen Fußball, wenn die blöden Blumenkinder nicht mehr vom wahren Schauen abhalten, diese Ereignisgaffer, die auch bei jedem noch so banalen Autobahnunfall stehen bleiben und glotzen würden, die nicht wissen, was da auf dem Platz tatsächlich passiert. Und außerdem ist der FC sowieso viel wichtiger als irgendeine Nationalelf, auch wenn es sich unter Umständen um die gleichen Protagonisten handelt.

 

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